بسم الله الرحمن الرحيم

Aus dem Leben eines staatenlosen Muslim (II)

 

Die selbst ernannten Herrscher der islamischen Welt offenbaren im Kampf gegen Kinder ihr ganzes Heldentum. So gehen sie unerbittlich gegen diese kleinen Plagegeister vor. Letztes Jahr knöpfte sich der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan eines dieser "kleinen Biester" vor und bewies, dass er ein Mann von wahrer Größe ist. Wagte sich doch tatsächlich ein 13-jähriger Junge, Erdogan folgenden Satz ins Gesicht zu rufen: "Allah wird dich bei den Wahlen bestrafen." Der Ministerpräsident war extra nach Istanbul gereist, um eine Rede im Kommunalwahlkampf zu halten. Der kleine Junge hingegen wollte mit seinen Freunden einfach nur Basketball spielen, traf durch Zufall auf Erdogans Wahlkampfbus und nutze dabei die Gelegenheit, ihm die Meinung in den offenen Bus entgegenzurufen. Da der türkische Ministerpräsident ein viel zu wichtiger und beschäftigter Mann ist, schickte er seine Leibwächter vor, um den Jungen aus der Menge zu reißen und zum Bus zu zerren. Erdogan packte ihn sodann am Nacken und fragte ihn, was er gesagt habe. Dieser wiederholte prompt den Satz. Auf Erdogans Frage, warum er so etwas sage, hatte der 13-jährige nur eine Antwort parat: "Ich mag dich nicht!" Die Geschichte endete damit, dass der Junge wegen Beleidigung eines Staatsführers auf der Anklagebank saß, aber letztendlich doch freigesprochen wurde.

 

Bereits ein Jahr zuvor hatte der ägyptische Präsident Husni Mubarak große Mühe mit einem 17-jährigen Abiturienten. So traute sich Safwat Hassan in seiner Abiturexamensarbeit, Mubarak als "tyrannischen Führer" und die Ägypter als "feiges Volk" zu bezeichnen. Mubarak - der Tyrann, der keiner sein will - ließ den Jungen aus Luxor umgehend festnehmen und ein Jahr von den Abiturprüfungen ausschließen. In einem Folterstaat wie Ägypten musste Letzteres dem 17-jährigen wohl wie Urlaub erscheinen.

 

Auch die vermeintlich oberste religiöse Autorität im Land der Pharaonen zeigte sich couragiert genug, kleine Schulmädchen zu erschrecken. Die Rede ist natürlich von Sayyid Tantawi, der im Oktober letzten Jahres die 11-jährige Schülerin einer Al-Azhar-Mädchenschule aufforderte, ihren Niqab abzulegen. Das Mädchen widersetzte sich Tantawis Aufforderung, der behauptete, dass das Tragen des Gesichtschleiers eine vorislamische Tradition sei. "Glaub mir, ich weiß mehr über die Religion als du und deine Eltern", so Tantawi. Damit nicht genug, führte er zusätzlich einen böswilligen Seitenhieb aus, indem er betonte, dass das Mädchen nicht so hübsch sei, um sich vor aufdringlichen Blicken schützen zu müssen. Diese Begegnung nahm Tantawi dann zum Anlass, den Niqab an der Al-Azhar-Universität, den dazugehörigen Mädchenschulen und sogar in den Schlafsälen per Erlass zu verbieten.

 

Tantawi, der unter den Muslimen auch als „as-Sayyid bil-ok" bekannt war - was frei übersetzt "der Chef im Jasagen" heißt - erkannte 2003 sogar das Recht der französischen Regierung an, ein Kopftuchverbot für alle staatlichen Schulen auszusprechen. Dies ließ seine Beliebtheit im Westen rasant steigen. Im November 2008 traf Tantawi anlässlich der UN-Konferenz zum interkulturellen Dialog in New York mit dem israelischen Staatspräsidenten Schimon Peres zusammen und schüttelte ihm in aller Öffentlichkeit die Hand. Das Foto, das diese fragwürdige Begegnung dokumentiert, verursachte nach der Veröffentlichung wütende Reaktionen unter den Muslimen. Tantawi verteidigte sich mit dem Argument, dass es ein Versehen gewesen sei: "Ich habe ihm die Hand geschüttelt, ohne sein Aussehen zu kennen. Dieses Händeschütteln war nur ganz, ganz kurz im Vorbeigehen, weil ich ihn zuerst nicht erkannt hatte". Tantawi war also so geistesgegenwärtig, um zu erkennen, dass ein 11-jähriges Mädchen nicht hübsch genug für einen Niqab sei, indes konnte er Peres trotz eines langen und innigen Blicks nicht erkennen. Vielleicht reichte Tantawis Mut gerade noch dafür, ein kleines Mädchen zu erschrecken, aber nicht mehr, um einem Kriegsverbrecher und Usurpator die Hand zu verweigern.

 

Früher hat man den Vertretern der Kirche vorgeworfen, sie würden Wasser predigen, aber heimlich Wein trinken. Vielleicht predigte Tantawi, der von sich selbst behauptete, viel von der Religion zu verstehen, auch nur umgekehrt in aller Öffentlichkeit Wein und trank dafür das Wasser in aller Heimlichkeit. Zwar wurde das Verbot des Gesichtschleiers inzwischen wieder gekippt, aber das ist auch völlig unerheblich, denn Tantawi gab dem Westen erneut Rückendeckung. Also überrascht es auch nicht, dass Tantawi Anfang dieses Jahres die ägyptische Regierung darin unterstützte, die unterirdischen Tunnel, durch die Nahrung, Medikamente, Gas und all die lebensnotwendigen Dinge des täglichen Lebens von Ägypten in den Gazastreifen transportiert werden, durch eine eiserne Mauer zu verschließen. Durch die fünf offiziellen Grenzübergänge in Israel kommt, wie jeder weiß, kaum etwas herein, so dass die Bevölkerung im Gazastreifen auf diese Tunnel angewiesen ist. Der Bau der tödlichen Mauer wird von US-Fachleuten beraten, von Tantawi unterstützt und von Mubarak in die Wege geleitet.

Doch wie alle Menschen leben auch Tyrannen und Verräter nicht ewig. Trotzdem sind ihre Spuren, die sie hinterlassen, meist verheerend und nur schwer zu beseitigen. Letzten Monat starb Tantawi, und er wird den Muslimen als Mann in Erinnerung bleiben, der Peres die Hand schüttelte, die Franzosen darin unterstützte, das Kopftuch an Schulen zu verbieten, und Mubaraks tyrannische Regierung bestärkte, eine blutige Mauer zu erbauen, so dass Menschen Hunger leiden werden. Diese Schuld nahm er mit in sein Grab. Das Erschreckende ist aber, dass die Schuld der Verräter meist so schwer wiegt, dass sie die Verratenen tief mitreißt.

 

Die staatenlosen Muslime können sich auf ihre gegenwärtigen Regenten in einer Hinsicht absolut verlassen. Sie werden sich niemals, aber auch niemals für ihre Belange interessieren oder einsetzen. Für einen Mubarak, Erdogan, Gaddafi und wie sie noch alle heißen sind die Belange und Interessen der Umma irrelevant, ja sogar lästig. Sie um Hilfe zu bitten, ist derart sinnlos, dass es nur zur Verzweiflung führt und die Lage hoffnungslos erscheinen lässt. Aber das ist sie nicht, denn wer sind diese Verräter schon. Selbst Kinder erheben sich gegen sie und bieten ihnen die Stirn. Nein, sie besitzen allein die Stärke der Waffen, die sie gegen die eigene Umma richten. Sie morden, foltern und glauben, auf diese Weise die Muslime einschüchtern zu können. Doch irgendwann werden die Schlösser der Folterkammern aufgebrochen, das ist gewiss. Die Umma wird sich irgendwann jener entledigen, die ihr Schaden zufügen.

 

Irgendwann werden die Muslime erneut nur einen Namen rufen, und der Gerufene wird ihnen zu Hilfe eilen. So gingen die Hilferufe einer Bürgerin des islamischen Staates in die islamische Geschichte ein, die in ihrer Not nur den Namen des damaligen Kalifen rief und dieser ihr zur Hilfe eilte. Es handelte sich um den Kalifen Mutasim, dem zugetragen wurde, dass eine muslimische Frau, der ein Byzantiner das Kopftuch runter riss, ihn mit den Worten "O Mutasim" um Hilfe bat. Umgehend schickte er eine ganze Armee, die die ganze Stadt für den Islam eröffnete. Es war die Stadt „Ammuriyya" - das heutige Ankara. Natürlich waren die Kalifen nicht frei von Fehlern. Trotzdem standen sie im Dienste des Islam, wahrten die Interessen der Umma und schützten das Wohl ihrer Bürger.

 

     
11 Jumada I 1431
 2010/04/25
   
     

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